09.02.2016

Michel Houellebecq: Ökonom

Von der Herrschaft der Individuen bis zum Untergang der Gattung: Bernard Maris über eine "Poetik am Ende des Kapitalismus". weiterlesen

01.02.2016

Einbruch der Wirklichkeit

Wie die Welt nach Deutschland kommt oder vom Wahnsinn des europäischen Asylsystems: Navid Kermani ist unterwegs auf der "Balkan-Route". weiterlesen

15.01.2016

Lazarus

David Bowie ist tot. Mein Versuch, die Verstörung in Worte zu fassen. weiterlesen

27.12.2015

Bücher des Jahres 2015 (3): Ungläubiges Staunen

Der Klappentext spricht gleich von einer "Islamisierung des Abendlandes". Navid Kermani zeigt eher, wie ein Dialog zwischen den Kulturen aussehen kann: mit kühlem Kopf und warmem Herz, voll Staunen und Begeisterung. Mein Buch des Jahres 2015. weiterlesen

21.12.2015

Bücher des Jahres 2015 (2): Glaube und Liebe

Nicht unbedingt von öffentlichem Interesse: die Liste der Bücher, die ich gelesen habe. Meine Chronik der gelesenen Bücher mag dennoch manchen zum Verweilen einladen - oder auf neue Bücher stoßen lassen. Ein Thema, das sich durch das letzte Jahr zieht wie ein roter Faden: der christliche Glauben. weiterlesen

14.12.2015

Bücher des Jahres 2015 (1): Ein Buch wie ein Energy Drink

Das Leben passt nicht zwischen zwei Buchdeckel. Aber es spiegelt sich in den gelesenen Büchern. Das Jahr 2015 bewegte ich mich zwischen Wissen und Glauben: der Nachvollzug einer Auseinandersetzung anhand ausgewählter Bücher. weiterlesen

11.11.2015

hin & weg: Ein Brief an Christoph Quarch

Ein Buch über "erotische Lebenskunst": Christoph Quarch erforscht in einer Reihe von Briefen, was es heißt, "in die Liebe" zu fallen und aus ihr heraus zu leben. Ich schreibe ihm einen Brief. weiterlesen

10.10.2015

Nicht wollen müssen

Was von all dem, was ich glaube tun zu müssen, muss ich wirklich tun? weiterlesen

Regalreihen ungelesener Bücher machen mich zornig
auf diese Welt,
die mich nicht in Ruhe lesen lässt.

Ein einzelnes Gedicht, dazwischengeschoben am Nachmittag,
und ich bin dankbar:
wenige Zeilen genügen, um mich zu mir zu bringen.

27.09.2015

12.08.2015

Korinthische Brocken

Der christliche Glaube: eine Dauerirritation? Annäherungen an ein Buch, das die Frage nach dem "Glauben" neu stellt - über die Verlusterfahrungen des Glaubens im Zuge der Säkularisierung und die Beliebigkeiten und Bequemlichkeiten von "Wellness"-Christentum und Esoterik hinaus. weiterlesen

09.08.2015

John Williams: Stoner

Was war falsch? Was war richtig? Wurden hier die Möglichkeiten eines Lebens nicht ausgenutzt? Ist Stoner, mittellos aufgewachsen auf einer Farm, lebenslang und ohne Karriereambitionen an der Universität angestellt, unglücklich verheiratet, in einer kurzen Phase seines Lebens glücklich verliebt - ist dieser Mann Mittelmaß, Versager, ein Feigling? Bei der Empathie, der Achtung, die der Autor seinem Protagonisten entgegenbringt, verblassen diese Fragen - sie erweisen sich diesem Leben gegenüber schlicht als unangemessen. weiterlesen

04.08.2015

Alles ist gut

Ich lebe nach wie vor in Erwartung eines Besseren. Ich erwarte die irgendwann eintreffende Bestätigung, das Erreichen eines Ziels. In all meinem Sein erwarte ich irgendwie, dass einmal jemand sagen werde: Es ist gut so. Dass es gut wird. Dass der Schein eines Sinnes auf die Dinge fällt, der alles rechtfertigt. Was im Umkehrschluss heißt: da ist etwas, das nach Rechtfertigung verlangt. Wenn etwas gut zu werden hat, ist es nicht gut. Da ist ein Mangel, ein Defizit. Ich lebe in Erwartung.

Doch was du erwartest, es tritt nicht ein: Die Dinge werden nicht besser. Die Welt ist, wie sie ist. Voll und ganz bei dem zu sein, was ist, es zu nehmen, wie es ist; nicht auf eine spätere Genugtuung zu schielen, sondern am Seienden Genüge zu finden, ohne Erwartung (Hoffnung, Verzweiflung): dann bist du da. Und lebst mit (in) dem, was ist.

Alles ist gut. Das nicht nur zu sagen, sondern zu leben: Schwere Aufgabe.

24.07.2015

Die Selbstüberschätzung des Einzelnen (und die Probleme der Anderen)

Wir sind gemeinsam, oder wir sind nicht. Hier haue ich mal ganz viel zusammen in einen Text, was irgendwie vielleicht gar nichts miteinander zu tun hat. weiterlesen

24.07.2015

Oderbruch, Mai 2015

oderbruch-bei-gross-neuendorf
Oderbruch, bei Groß Neuendorf

vor dem Blick weicht das Land zurück:
nichts als Gegenwart.
vom Himmel umspannt ein Raum ohne Jenseits:
weite Leere.

hier klammern sich die Gedanken an jeden einzelnen Baum, bevor sie ins Nichts fallen.
Vergangenheit? Zukunft? was heißt das schon, Vogelschwärme über dir.

22.05.2015, Groß Neuendorf

inmitten der Blumen vergisst
das Kind die Welt
und pflückt dir einen Strauß.

23.05.25, Kienitz

der Tag hat seine Grenze in dem Punkt am Horizont, zu dem
du heute noch gelangen könntest. Ein Jenseits existiert nicht.

eine Schwalbe lenkt den Blick auf den Horizont, durchmisst
den Raum, Lebensraum, in dem du existierst.

23.05.2015, Kienitz

die untergehende Sonne legt ihr Licht sanft
auf das Wasser. das
streckt sich aus, gibt sich hin
und vergisst.

als gäbe es jetzt keine Erddrehung, als würde sich
für einen Moment
in der Zeit ein Raum öffnen. als wären Augenblicke,
befreit von Zeit,
nichts anderes als lose verknüpfte Punkte auf einer Kette,
die nicht ist.

jeder für sich
eine Welt.

25.05.2015, Kienitz

26.05.2015

"Atmen ist Vertrauen ohne Sicht"

Letztlich bleibe ich heute gefangen in der Subjektivität meines Glaubens, und Glauben heißt dann, immer wieder das Offene zu suchen und in der Enge meiner selbst anzukommen,

schreibt Christian Lehnert in seinem Essay über Paulus, Korinthische Brocken1.

Am Beginn des Gedicht-Zyklus Aufkommender Atem2 findet sich die Zeile:

Und was ich glaube, ist ganz unverstanden.

Die kurzen, streng geformten Gedichte aus dem gleichnamigen Band sind gänzlich subjektive Notate, Meditationen; das betont schon die jeweils mitgegebene zeitliche und räumliche Verortung.

Doch die Gedichte umkreisen eine Leerstelle, über die man besser schweigt, da sich über sie nicht sprechen lässt. Das Ich in den Gedichten Lehnerts tastet sich nah an diesen Punkt, an den Grund seiner Existenz heran. Es wird ihn nie (be-) greifen. So bleibt es bei einer Annäherung - ehrfurchtsvoll, mit angemessenem Respekt, voller Sorgfalt; mehr schweigend als sprechend, und wenn sprechend: im Gestus der Frage.

Ich bin nicht hier, um Wahrheit einzusehen,

nicht um ein Leben abzusprechen, Licht

dringt nur in meine Augen, zu verstehen,

ist nicht gegeben, und es ist doch Licht.

Lehnert ist ein Spaziergänger, der oft stehenbleibt: schauend, staunend, atmend. Fragil ist die Verbindung zwischen dem Ich und der Welt; wie der Glaube verträgt sie nicht zu viele Worte. Im Atmen dagegen wird einem das Sein gewiss. Und dieser, der Aufkommende Atem führt weiter als nur zu mir … Etwa wie das Gehör:

Dass ich höre, sagt mir, dass ich nicht nur ich bin.

Christian Lehnert, Theologe und Pfarrer, erschreibt sich, mit tonnenschweren Glaubensfragen im Gepäck, ganz leichte einfache Formen, die mit aller Kunstfertigkeit versuchen, ganz nah (so behutsam wie ehrlich) ans Erleben zu gelangen. Er verfolgt die Sprache bis an ihren Ursprung, um von da aus, im Offenen, neu - und tiefer - zu atmen. Und beschreibt eine Möglichkeit des Glaubens als Frage, als Öffnung, als Hüten des Möglichen. Ohne Gewissheit.

Sprechend spüre ich, dass man Kopf ein Kokon ist.



Er birgt eine Larve, die ihre Gestalt sucht:

Ihretwegen gibt es die Präposition Gott.


  1. Christian Lehnert: Korinthische Brocken. Ein Essay über Paulus. Suhrkamp 2013. 

  2. Christian Lehnert: Aufkommender Atem. Gedichte. Suhrkamp 2011.