Wann, wenn nicht jetzt?

Anstiftung oder Ermutigung?

Dass wir in einer Zeit der mannigfachen Krisen leben, ist mittlerweile wohl leider ein Gemeinplatz, der für kaum jemanden noch strittig ist. Auch Hanna Reichel und Jan Frerichs, Autor*innen zweier christlicher Ratgeber, sind sich darin einig: Klimaveränderung und Kriege, Erstarken autoritärer Kräfte und eine rasante technologische Entwicklung mit kaum absehbaren Folgen prägen diese Zeit des Übergangs. Der Angst, dem Nationalismus und der Verzweiflung möchten nun beide etwas entgegensetzen. Für ihren jeweiligen "Kompass" greifen sie auf die Tradition zurück – und hier beginnen die Unterschiede.

Ein spiritueller Übungsweg von außen nach innen

Jan Frerichs: Anarchie des Herzens. 33 Anstiftungen zum wahren Leben. Herder Verlag 2026

Jan Frerichs, der Initiator des Projekts barfuß+wild, geht hierfür 800 Jahre zurück in die Biografie des Franz von Assisi. "Wir leben in einem entscheidenden, verdichteten Augenblick der Geschichte", meint er: genau wie der Heilige Franziskus und seine Nachfolger. Und so entwickelt er in Betrachtung des Lebens von Franz von Assisi mit seiner Anarchie des Herzens eine "mystische Grammatik für die Zeit des Wandels": einen Übungsweg, der von außen nach innen führt.

"Die Anarchie des Herzen ist ... die Vision einer tiefgreifenden inneren Ordnung, die die Unordnung nicht beseitigt oder ausschließt, sondern integriert und so eine wirkliche Neuordnung ermöglicht. Echte Transformation."

Aus der Erfahrung der Stille heraus erwächst eine Veränderung hin zum "wahren Leben" – in Verbundenheit mit der Schöpfung, in Gemeinschaft mit anderen, in wahrer Verantwortung. Klingt groß, hat Pathos – und ist alles in allem wenig konkret. Genau das ist mein Problem mit dieser "mystischen Grammatik". In fünf großen Kapiteln widmet sich Frerichs, immer ausgehend von Franz von Assisi, den zentralen Konzepten seiner spirituellen Vision. Das beginnt mit dem Innehalten, um echte Solidarität zu entdecken, führt über das Loslassen Lernen und ein genügsames Leben bis zur universalen Geschwisterlichkeit. Wenn du innerlich, mit dem Herzen, ein anderer geworden bist, so Frerichs, dann verändert sich deine Welt. Von ganz tief innen geht es – mit neuer Kraft – nach außen, in die Welt.

Dabei weiß Frerichs sehr genau, wie er in das jeweilige Thema einsteigen muss, um das Interesse der suchenden Leser*innen zu gewinnen – aber seine darauf folgenden Erklärungen sind oft recht vage und teilweise mit einer aufwändigen, nicht immer schlüssigen Argumentation verbunden. Es ist ein Buch, das sich vielleicht eher an das Herz als an den Kopf wendet: Immer wieder sind es einzelne Sätze, die hängen bleiben, die gut klingen, die eine Resonanz auslösen. Und so gibt es als Bonus ein Workbook zum Herunterladen: mit Schreibimpulsen, die einladen, "in Dich selbst hineinzuhören".

Eine praktische Weisheitslehre für die Gegenwart

Hanna Reichel: Wann, wenn nicht jetzt? 28 Ermutigungen für das Christsein heute. Gütersloher Verlagshaus 2026

Es ist schon verrückt, wie unterschiedlich aus christlicher Sicht auf diese verstörende Welt geblickt und reagiert werden kann. Während Jan Frerichs laut Untertitel "zum wahren Leben" anstiften möchte, hält die in Amerika lehrende Theologin Hanna Reichel "28 Ermutigungen für das Christsein heute" bereit: "Impulse für eine Spiritualität mit Rückgrat". Dazu greift auch sie auf die Tradition zurück, mit der sie sich am besten auskennt: die (vorwiegend evanglische) Theologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

"Wann ist der Moment gekommen, aufzustehen und öffentlich und prophetisch zu verkünden, was der Glaube an Jesus Christus heute bedeutet und gebietet? Es könnte sein, dass dieser Moment schon da ist. Was haben die christlichen Kirchen zu sagen?"

Hanna Reichel möchte zu einem Christentum in den Fußstapfen von Dietrich Bonhoeffer und Karl Barth ermutigen. Sie sucht keine einfachen Antworten, sondern kleine, praktische Ansätze, die helfen, Strukturen aufzubauen oder zu erhalten, klar zu denken und zu urteilen und in entscheidenden Momenten zu handeln. In weiten Teilen ist diese "Weisheitslehre für die Gegenwart" daher auch eine Anleitung zum Widerstand, wie man sie etwas auch bei Timothy Snyder findet. "Es gilt, Toleranz für Komplexität aufzubauen. Es gilt uns in der Fähigkeit zu üben, Spannungen auszuhalten. ... Überall ist Urteilsvermögen gefragt."

In vier großen Kapiteln, angelehnt an die Ordnung eines Gottesdienstes, finden sich 28 Meditationen, die oft in kurzen Bibeltexten ihren Ausgang nehmen und dann konkret untersuchen, was dies für ein Leben als Christ*in heute bedeutet. Reichel glaubt, "dass wir von denen lernen können, die solche Zeiten durchlebt haben". Von Viktor Frankl etwa, dem jüdischen Psychologen, der die Konzentrationslager der Nazis überlebte, von dem genauen Beobachten der Sprache bei Victor Klemperer, bei Hannah Arend oder in den Betrachtungen der Etty Hillesum (deren Tagebücher die Grundlage für eine sehr sehenswerte aktuelle TV-Serie liefern)!

Die 28 Meditationen sind – mit Timothy Snyder gesprochen – Lektionen für ein Christentum, das Verantwortung in der Welt übernimmt. Hanna Reichel bietet am Ende ihres Buches einen "Erste-Hilfe-Kasten" für einen Direktzugriff in besonderen Situationen oder bei bestimmten Anliegen. Wenn die wilden Winde stürmen, ist die "Ermutigung" also nur ein paar Handgriffe entfernt. Für die weitere Auseinandersetzung gibt es zu jeder Ermotigung Literaturempfehlungen, Reflexionsfragen und Handlungsimpulse. "Wann, wenn nicht jetzt?" (einem Lied von Rio Reiser entliehen) ist es Zeit, dieses Buches zu lesen? Es ist ein wertvoller, alltagsnaher Begleiter in unserer Zeit.