Majnka

Bei uns zuhause lesen wir immer noch gern vor. Auf der Suche nach einem Buch, das ich mit meiner elfjährigen Tochter lesen könnte, stieß ich vor ein paar Wochen auf das kleine, sehr fantasievoll gestaltete Büchlein Majnka der in Prag lebenden Autorin Olga Stehlíková. Laut Klappentext geht es um den Wald, um Moor, Farne, Tierspuren und darum, wie alles miteinander verbunden ist. Und um Krebs. Denn die Mutter von Magdaléna, die nur Majnka genannt wird, ist krank.

Meiner Tochter schien das Thema zu ernst, zu schwer, wir lasen etwas anderes. Ich verlor mich währenddessen in diesem wundersamen, herzwarmen, liebevollen Buch, das der in Landsberg am Lech sitzende, auf tschechische Gegenwartsliteratur spezialisierte Balaena-Verlag Kindern ab 9 Jahren und ihren Familien empfiehlt. Die Krankheit von Majnkas Mutter ist ebenso wie die Trauer die gesamten 200 Seiten anwesend - stärker aber ist die Kraft der Natur, sind die unübersichtlichen Wege, die das Leben nimmt. Nein, die Trauer kennt in diesem Buch kein Ende – aber sie hat nicht das letzte Wort.

Wie auch, bei dieser Ich-Erzählerin? Ständig schweife sie ab und mache Gedankensprünge, sagt Majnka von sich. Sie lebt mit ihrem Vater, ihrer Mutter und bald auch ihrer Oma in Vonoklasy, einem Dorf in der Nähe von Prag, umgeben von Wäldern, Flüssen, Naturschutzgebieten. Zusammen mit ihrer Mutter verliert sie sich in stunden- und seitenlangen Betrachtungen von Tieren und Pflanzen, wobei sich kindliche Phantasie, enormes Wissen und ein übergroßes Herz miteinander verbünden.

Als Majnkas Mutter – im ersten von drei Herbsten – erkrankt, nutzt das Mädchen die Natur als Ausgleich und Rückzugsort. Während die Mutter nur noch selten aus dem Bett oben im Haus aufsteht, ist Majnka zunehmend auf eigene Faust unterwegs, schleicht sich im Schlafanzug in den Garten oder übernachtet einmal "heimlich" im Wald.

"Ich fühle, wie Wut in mir aufsteigt und wächst. Auf die Schule... Auf die Krankheit. Sogar auf Mama, weil sie krank ist, wo sie doch gesund sein soll wie jede andere Mama."

Dass sie sich auf einem dieser Ausflüge ganz fürchterlich verirrt, der Vater um Sorge ist und die Polizei ruft, und Majnka dann viel zu spät nach Hause findet, steht irgendwie exemplarisch für dieses Buch: Olga Stehlíková nimmt sich viel Zeit für die alltäglichen Wege und Irrwege ihrer Protagonistin, die scheinbar ziellos von Tag zu Tag treibt und dann jedoch kleine Pläne ausheckt, die sie zielstrebig, wenngleich nicht immer erfolgreich, verfolgt. Umwege, Irrwege, Trampfelpfade und eine gehörige Prise Chaos bringen die Handlung immer wieder vom Weg ab, und das ist einfach nur wahnsinnig schön.

Olga Stehlíková: Majnka. Illustrationen von Andrea Tachezy. Aus dem Tschechischen von Jana Krötzsch. Balaena Verlag 2026

Nein, das kann nicht über den Schmerz hinwegtrösten. Doch Majnka sucht und findet in dieser Freiheit Wege, mit der Krankheit ihrer Mutter umzugehen. Und sie findet Verbündete: Menschen, Tiere, Pflanzen. Majnkas Welt ist wild, frei, sie steckt voller ungezügeltem Gefühl und einer Phantasie an der Grenze zwischen Kinder- und Erwachsenenwelt. Die Illustratorin Andrea Tachezy setzt dies in ihren assoziativen Illustrationen auf ganz eigene Weise um; es sind fast archaisch anmutende (Traum-) Bilder, die auf ihre Weise und mit gedeckten, warmen Farben in die eben noch nicht erwachsen-ordentliche Welt dieses großen, kleinen Mädchens führen. Beides zusammen, Bild und Text (in der Übersetzung von Jana Krötzsch), sind eine unwiderstehliche Einladung, die gewohnten Pfade einmal zu verlassen und die eigenen Gefühle wie die uns umgebenden Natur wahrzunehmen. Eine Erinnerung an die uns innewohnende Kraft der Empathie, die die Welt wohnlicher macht.

Meiner Tochter lege ich das Buch nun ganz leise auf ihren Nachttisch.