Als die Boxen in den Bäumen hingen
Als die Boxen in den Bäumen hingen: Das war die Zeit, als Musik nur auf Schallplatten existierte, und im besten Fall kollektiv gehört wurde: laut und basslastig, mit einer Klanggewalt, "dass die ganze Nachbarschaft wackelte". So erinnert sich zumindest Chris Blackwell an die Zeit der Soundsystems auf Jamaika. Es waren "pulsierende mobile Diskotheken", so schreibt er, mit "markerschütternder Lautstärke".
"Als rivalisierende Soundsystems in einen Wettbewerb eintraten, wurde Jamaika die lauteste Insel der Welt, mit immer größeren Crowds, die sich zu den Showdowns zwischen den Systemen versammelten. Wer hatte die besten Tunes? Wer den lautesten, härtesten Sound?"
Das Zeitalter der Jukeboxen und Soundsysteme war auch die Schule, in die Blackwell ging, geboren in London, zum großen Teil aufgewachsen auf Jamaika. Aus dem Sammler und Jäger von Platten wird der Produzent und Label-Gründer: Schon 1959 gründet er Island Records. Die Geschichte seines Lebens und seines Labels erzählt er nun in seiner Autobiografie, und wie viele andere Geschichten aus der Musikwelt zieht Als die Boxen in den Bäumen hingen seinen Reiz aus der nostalgischen Rückwendung zu den Zeiten, als Musik noch wild, schmutzig und revolutionär sein konnte. Kurz: als Musik noch eine Bedeutung hatte, die sich nicht auf Zahlen reduzieren ließ.
Und so wirkt die erste Hälfte dieses Buches, die von den Umtrieben auf der Karibik-Insel, von Platten-Jagden und improvisierten Recording-Sessions erzählt, fast märchenhaft – das muss doch erfunden sein! Aus dieser Zeit stammt das kulturelle Kapital, das Blackwells Label Island Records auszeichnete: Mit Künstlern wie Bob Marley, U2 oder Tom Waits, mit seinen Ursprüngen in Jazz, Reggae und Ska war das Label lange ein Underdog, ein Independent-Label mit der (zeitweiligen) Reichweite eines Majors – eine spirituelle und politische Insel mit durchaus subversivem Charme. Auf der anderen Seite, auch das zeigt Blackwells Buch, war aber auch Island Records ein Wirtschaftsunternehmen, und Blackwell ist noch heute – lange nach dem Verkauf des Labels – ein zwar eigenwilliger, aber auch gewiefter Unternehmer.
"Wenn man an Island denkt, denkt man an U2. Und wenn man an U2 denkt, denkt man an Island."
Und so reiht Blackwell in der zweiten Hälfte des Buches seine größten Erfolge aneinander: es gibt ein Kapitel über Marley, ein Kapitel über U2, ebenso über Cat Stevens, Nick Drake, Grace Jones (um nur eine Auswahl zu nennen). Dabei verliert Blackwell immer mal den Faden, und nicht alles ist von gleicher Relevanz für den Außenstehenden. So richtig nahe kommt man keinem der Künstler. Eine Einladung zu einer musikalischen Entdeckungsreise sind Blackwells Erinnerungen aber allemal. Oder, wie es im Vorwort heißt: eine "Playlist in Buchform". Denn heute hängen die Boxen nicht mehr in den Bäumen, man trägt sie in der Tasche mit sich. The times they are a changing - auch davon zeugt dieses Buch.