Entzug
„Ich heiße Christoph Peters und ich bin Alkoholiker.“
Mit diesem Satz beginnt der Ich-Erzähler in Christoph Peters’ Roman Entzug seinen Jellinek-Aufsatz: ein therapeutisches Instrument in der Entzugsklinik, in der ein Großteil des Romans spielt. Den Aufsatz zu schreiben, in dem es nicht um Kunst sondern um Wahrheit geht, scheint Peters lange undenkbar. Auf Seite 383 seines Romans wird er ihn endlich beginnen.
Dass der Erzähler den Namen des Autors trägt, verweist auf den autobiographischen Charakter dieses beeindruckenden Werkes, dessen positiver Ausgang allein schon durch das Erscheinen des Buches (20 Jahre danach) vorweggenommen ist, ebenso wie durch die dem Roman vorangestellte Widmung. Der Autor widmet das Buch, das sich schonungslos mit der eigenen Alkoholsucht und dem Weg aus ihr heraus auseinandersetzt, seiner Frau, die „immer noch da ist“.
Dabei steht, die ersten hundert Seiten machen das deutlich, alles auf der Kippe. Peters trinkt schon vor dem Aufstehen, um das Zittern zu unterdrücken, das ihn befällt, sobald der Pegel sinkt. Überall sind Flaschen versteckt, ein Großteil des Tages vergeht mit ziemlich bescheuerten Aktionen, den Vorrat immer wieder aufzufüllen, mit Gedankenkarussels und Rechtfertigungsversuchen, mit blindem Egoismus und einem permanenten schlechten Gewissen. Die grotesk anmutenden Argumentkaskaden kenne ich selbst aus der Zeit, in der ich immer wieder versuchte, mit dem Rauchen aufzuhören: Irgendein Grund, irgendeine Selbstlüge findet sich immer, um weiterzumachen. Doch bei Peters steht, das wird schon in der ersten Auseinandersetzung mit seiner Frau deutlich, die er schildert, alles auf dem Spiel: die Beziehung zu Frau und Kind, das Werk als Schriftsteller, das eigene Leben.
Nach einhundert Seiten unter der Überschrift „Trinken“ folgt – konsequenterweise, zum Glück – der zweite, beträchtlich umfangreichere Teil: „Nicht trinken“.
Nach einhundert Seiten Bewusstseinsstrom aus der Perspektive eines hoffnungslosen Trinkers steht nun die eigentliche Herausforderung für den konfliktscheuen Autor an: Sich der eigenen Schwäche, der Fehlbarkeit und Erbärmlichkeit zu stellen. Dass er ist wie jeder andere Süchtige – was für ein Gedanke! Denn der Erzähler verteidigt sich, redet sich raus: Er sei Künstler, es gäbe bei ihm keine Trennung von Beruf und Person, Alkohol, Exzess, Maßlosigkeit seien schließlich eine Grundbedingung künstlerischen Schaffens!
„Auf einmal stellt sich heraus, dass all das, von dem ich mir immer eingebildet habe, es handele sich um singuläre Erlebnisse, mehr oder weniger das Standardprogramm fortgeschrittenen Alkoholismus’ darstellt – dass ich kein radikalindividualistischer Grenzgänger bin, sondern ein gleichgeschalteter Suchtkranker.“
Christoph Peters schreibt aus eigener Erfahrung, und der fast schon dokumentarische Charakter des Buches verweist ohne Milde auf den autobiographischen Hintergrund. Dennoch, betont er, ginge es ihm um mehr: in erster Linie sei der Roman, so schreibt er auf seiner Website, „der Versuch, für den Themenkomplex Sucht eine literarische Form zu finden. Ich wollte nichts beschönigen, dennoch gibt es am Ende die Hoffnung, dass ein Neubeginn möglich ist.“ Das gelingt ihm – mit großer Klarheit, um nicht zu sagen: Nüchternheit.