Nicht

"Du bist zweiundfünfzig, Witwer und glaubst nicht, noch einmal eine Liebe zu finden, wie du sie hattest."

Wenn ein Buch so beginnt, ist eigentlich klar, was passieren muss: Natürlich findet der Protagonist, in diesem Fall der Übersetzer Eli, genau diese unwahrscheinliche Liebe. Und so könnte dieses schmale Büchlein wundervoll romantisch, poetisch und leicht die passende Sommerlektüre abgeben – wenn, ja wenn der Autor nicht Dror Mishani wäre und der Titel dieses Buches (in der deutschen Übersetzung) von Markus Lemke nicht ein so unscheinbares, aber dräuendes Nicht.

Dror Mishani: Nicht. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Diogenes Verlag 2026

Eli trifft Lia, eine junge Cellistin. Und ganz langsam, zaghaft, geradezu traumwandlerisch entspinnt sich die Geschichte von zwei Menschen, die sich allem Unbillen in der Welt zum Trotz gefunden haben. Das Glück, es ist möglich, möchte uns der Autor – in seinem ersten Kriminalroman seit dem 7. Oktober 2023 – scheinbar sagen. Doch ja, die Liebesgeschichte kippt schnell in einen Kriminalroman oder gar Psychothriller, wobei man bis zum Ende nicht ganz sicher ist, wer hier eigentlich für diesen Thriller verantwortlich ist. Da ist zum einen ein geheimnisvoller Erzähler, der im Plural Majestatis und im Dialog mit Eli die Geschichte erzählt. Und da ist eben jener Eli, der sich in der immer wieder an ihn gestellten Frage nicht für die Wahrheit, sondern für die Lüge entscheidet.

"Wir kommen mit der Geschichte nicht recht voran, weil es Dinge gibt, die du aus Angst nicht erzählen willst, aber komm, lass uns das nicht länger aufschieben, das macht keinen Sinn. ... Wir wollten doch die Wahrheit erzählen oder nicht?"

Als sich Lia auf eine kurze Konzertreise nach Europa begibt, bittet sie Eli, auf ihren Hund aufzupassen. Kurz vor ihrer Rückkehr kommt es dann zu einem einschneidenden Vorfall, nach dem nichts mehr wie vorher ist. Der sich bisher wie in einem Traum wähnende Protagonist droht alles zu verlieren – im hebräischen Originaltitel des Romans ist von der vorletzten Chance die Rede. Von nun an erhält Eli eine Chance nach der anderen, noch zu retten, was aus seiner Sicht nicht mehr zu retten ist. Und er macht – nichts. Nur um sich in einem immer wahnhafter werdenden Lügengebäude zu verirren. Er, der versierte Übersetzer der Romane von Georges Simenon, wird langsam selbst zum Täter, paradoxerweise indem er sich nicht verhält.

Mishani legt zu Beginn die harmlos scheinende Fährte einer Liebesgeschichte aus, nur um dann von Kapitel zu Kapitel eine immer enger und dunkler werdende Stimmung zu erzeugen, die das Weiterlesen buchstäblich zu einem Kraftakt macht. Mir war während der Lektüre aus Spannungsgründen derart unwohl, dass ich das Buch nach jedem Kapitel aus der Hand legen musste – nur um es gleich darauf wieder aufzuschlagen.

"Noch weißt du es nicht, aber deine Geschichte neigt sich dem Ende zu. Und nichts daran ist entschieden. Alles kann noch passieren, und im Grunde genommen hängt alles von dir ab."

Was so leichtfüßig, fast wie eine Fingerübung daherkommt, ist wahnsinnig geschickt konstruiert und stößt die Leser*innen auf Fragen, die weit über diesen (Kriminal-) Fall hinausweisen. So öffnet Dror Mishanis "Wir-Erzähler" eine Menge Türen, ohne hineinzuschauen. Dass er sie angelehnt und uns allein mit ihnen lässt, das ist seine große Kunst. Und ja: auch so etwas wie Weisheit.