Der Prinz
Magdalena Parys stellt dem zweiten Roman ihrer "Berliner Trilogie" einen Hinweis auf die dem Buch zugrundeliegenden Fakten voran: Unter Umgehung von Bundesregierung und Bundestag bauten deutsche Offiziere nach dem Zweiten Weltkrieg eine geheime "Schattenarmee" auf. Ausgehend von umfangreichen Recherchen, so erzählt die in Berlin lebende Autorin im Interview mit dem Deutschlandfunk, schrieb sie lange Zeit an einem Roman über Reinhard Gehlen, den ersten Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes. Mit Der Prinz ist am Ende ein rasanter Thriller entstanden, der im Berlin der Gegenwart spielt und erstaunliche, ja beängstigende Aktualität beweist.
Eine Siedlung am Stadtrand von Berlin brennt. Im Berliner Dom wird die Leiche eines gekreuzigten Priesters gefunden. Die Frau eines Ministers wird entführt. Und alle Spuren führen zu einer Geheimorganisation, die vom titelgebenden "Prinzen" angeführt wird. Als Wiedergänger von Gabriele d'Annunzio, einem Wegbereites des Faschismus, hat der Prinz klare Ziele: die Gesellschaft in Panik zu versetzen, separatistische Bewegungen in Bayern und Sachsen zu unterstützen, die Macht in Deutschland zu übernehmen.
Die Geschichte der Bundesrepublik, die aktuelle politische Lage, die Medien, eine um sich greifende Aufgeregtheit und Verunsicherung, dazu Verschwörungstheorien, christliche und mythologische Bezüge: es ist eine waghalsige und eigentlich ziemlich unmöglich wirkende Mixtur, aus der Magdalena Parys ihren Roman erschafft. Im Mittelpunkt steht mit dem "Prinzen" eine faszinierende, von Sehnsucht und Begierde getriebene Figur; lange Zeit wirkt er wie das personifizierte, rationale Böse, ein gesichtloser Drahtzieher wie aus einem Agentenfilm. Doch auch der Prinz bricht, wie eigentlich fast jede von Parys' Figuren, auf unvorhersehbare Weise.
Ihm gegenüber stehen eine Reihe von schillernden Charakteren, die Magdalena Parys im oben genannten Interview selbst als "unberechenbar" charakterisiert. So viel Eigenleben, dass es manchmal fast die Geschichte zu zerreißen droht, entsteht nicht am Reißbrett, sondern wächst im Schreibprozess. Dagmara Bosch und ihr Ex, Kommissar Kowalski, der Polizeipräsident Tschapieski und der geheimnisvolle Paul Chagall, engster Personenschützer der Kanzlerin – es ist eine wild zusammengewürfelte Gruppe voller eigener Geschichten und Konflikte, die es hier mit der möglicherweise größten Bedrohung der Bundesrepublik aufzunehmen hat.
Parys steigt sehr spät in die Geschichte ein und gibt ihren Protagonist*innen nur drei Tage, um zu handeln. Sie erzählt jedoch nicht chronologisch, sondern wechselt die Perspektiven, springt vor und zurück, immer ganz konkret mit Zeitangaben versehen – und fängt so die hektische, unübersichtliche Gegenwart wie in einem Prisma ein. Obwohl sie sich für einzelne Situationen und vor allem für die scheinbar nebensächlichen Geschichten ihrer Akteure viel Zeit nimmt, ist der Roman ähnlich atemlos wie die Agententhriller von Andreas Pflüger – und ähnlich wie diese führt auch Der Prinzbis ins Zentrum der Macht.
Jedes Kapitel wird dabei von einem Bibelvers und einem Kunstwerk gerahmt, das bis zum Krieg im Besitz polnischer Museen war. Der unaufhaltsamen Dynamik in der Gegenwart – in diesen drei Tagen geht es um nicht viel weniger als den Fortbestand der Bundesrepublik – werden so historische und kulturelle Tiefenschichten gegenübergestellt, die diesen Roman komplexer und vieldeutiger machen, als man es von einem Thriller erwarten würde. Parys verknüpft meisterhaft Hochspannung mit Witz, ein Gespür für die brisanten Themen der Gegenwart mit Tiefenarbeit in der Geschichte.
Bis der dritte Teil ihrer Berliner Trilogie erscheint, lohnt es sich, den Auftakt nachzuholen: Der Magier, im Original schon 2015 erschienen, wurde mittlerweile in 19 (!) Sprachen übersetzt.