Das können wir uns nicht leisten
Was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein
Ich gebe zu, mir ist die Lektüre dieses Buches nicht leicht gefallen. Ich habe das Buch zwischendurch immer wieder Tage, ja Wochen aus der Hand legen müssen. Habe einen Bogen darum gemacht. Und dann wieder Seite um Seite verschlungen. Denn was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein, ist das Thema dieses Memoirs, der Titel zugleich Leitmotiv: Das können wir uns nicht leisten. Kein leichtes Thema, weder für die Leser*innen noch die Autorin. Doch Miriam Davoudvandi schreibt ehrlich, persönlich, kompromisslos – und dabei dennoch unterhaltsam und mit erstaunlicher Leichtigkeit darüber, wie sich die Armut durch ihr Leben zieht.
Jedes Kapitel ein anderer Schwerpunkt: Armut und Geburt. Armut und Wohnen. Schule. Studium. Freizeit. Essen. Gesundheit... Man ahnt es schon:
"Armut zieht sich durch das ganze Leben."
Davoudvandi wird in eine arme Familie hineingeboren, so schreibt sie. Schon dass ihre Mutter sie erst mit über 40 Jahren bekam, begründet sie mit ihren prekären Lebensverhältnissen. "Ob, wie und unter welchen Umständen Leben entsteht oder auch nicht, hängt immer auch mit dem sozialen Status zusammen." Reproduktive Gerechtigkeit? Eine schöne Idee. Schon am Beginn des Lebens zeigt sich das Armsein als ein Status, dem zu entkommen nur wenigen gelingt.
Miriam Davoudvandi ist es, vorerst, gelungen – als Erste in ihrer Familie, wie sie sagt. In ihrem Buch beschreibt sie diesen langen, schwierigen Weg, raus aus der Wohnung im Sozialbaukomplex einer süddeutschen Kleinstadt, durch eine Schulzeit, die von Klassenunterschieden geprägt war und aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz aufs Gymnasium führt, hin zum Studium in Halle/Saale:
"Eigentlich ist ein Studium in den meisten Fällen ein Vollzeitstudium. Stattdessen studierte ich Vollzeit, machte Vollzeit ein Praktikum und arbeitete Teilzeit. Wenn alles zu viel wurde, entschied ich ganz pragmatisch. ... Als Arbeiterkind zu studieren, heißt, man muss die Uni verpassen, um sich die Uni leisten zu können."
Beziehungen, Essen, Fernsehen, Depressionen: Was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein, weiß Miriam Davoudvandi aus eigener Erfahrung. Dass sie die richtige Sprache dafür findet, reflektiert in der Beschreibung, klar in der Kritik, macht ihr Buch sehr lesenswert. Davoudvandi gibt den Benachteiligten in diesem Land ein Stück Würde wieder, indem sie ihre Lebensrealität in all ihrer Komplexität ernst nimmt und anerkennt – ohne Voyeurismus, ohne Vereinfachung, aber mit viel Empathie und – ja – Witz.