Im ersten Licht
Es ist lange her, dass ich zu einem Buch des österreichischen Autors Norbert Gstrein gegriffen habe; ich erinnere mich an die so fesselnde wie beklemmende Lektüre des Romans Das Handwerk des Tötens, der vor dem Hintergrund des Kosovo-Kriegs nach den Möglichkeiten fragte, vom Krieg zu erzählen. Der Krieg hat Gstrein hat nie losgelassen; in seinem neuesten Roman Im ersten Licht ist es ein am Rande stehender Beobachter, dessen Leben von den Kriegen des 20. Jahrhunderts geprägt wird:
"Adrian war selbst nicht im Krieg gewesen, aber dreimal im Lauf seines Lebens hatte er mit jungen Männern zu tun, die im Krieg gewesen waren und die sein weiteres Leben jeweils für lange bestimmten."
In drei sorgsam komponierten Teilen spannt Gstrein mit großer Eleganz und sprachlicher Genauigkeit einen Bogen vom Beginn des 1. Weltkriegs bis in die 1980er Jahre. Er erzählt vom Leben des Gymnasiallehrers Adrian Reiter, dessen Vater ihm zu Kriegsbeginn ein Beil ins Bein schlägt und ihn so vor der Einberufung bewahrt. Die Gleichaltrigen fallen im Krieg oder kehren schwer gezeichnet zurück, allen voran die wohlhabenden jungen Männer, die in einer alten Villa in Adrians Heimatort "versteckt" werden – und, einer nach dem anderen, Selbstmord begehen. "Ein jeder von ihnen hatte seine Schreckensgeschichte, die Adrian erspart geblieben war," heißt es, "und er konnte nicht sagen, warum er jeden einzelnen als seinen Bruder empfand."
Es ist eine Gespenstergeschichte, gerade in diesem ersten Teil mit seinen unheimlichen Bildern, mit dem von Schmerz gezeichneten Gesichtern, die vor der Welt weggesperrt oder gar - auf eigenes Verlangen – offiziell für tot erklärt werden. Und Adrian, der Reiter, der nie geritten ist, so das zynische Wortspiel, bleibt wie gebannt in seinem Phantomschmerz, unbeteiligt aber vollkommen besessen von den Kräften seiner Zeit. Das zieht sich hin bis in den 2. Weltkrieg, in dem Adrian wie aus Schuldgefühl seinen Schülern von den Schlachten des Ersten vorschwärmt, als wäre er dabei gewesen – und Aufsätze schreiben lässt, die den Führer verherrlichen.
"Waren Sie eigentlich im Krieg?", wird Reiter von seinen Schülern gefragt. Seine größte Schuld ist das Nichtstun gewesen, mag man aus dem Abstand urteilen. Doch Gstrein, dessen Sätze konsequent aus der Perspektive des Protagonisten heraus um die Dinge kreisen, die sich nicht klar erkennen, nicht einfach benennen lassen, urteilt nicht. Eher ist es Adrian Reiter selbst, der sich verurteilt und zu lange gebannt auf das starrt, was sein Leben geprägt hat, der die Ungeheuerlichkeiten seines Lebens zu lange für normal hielt. Die klärende Auseinandersetzung gelingt ihm erst spät, in England und an der Seite einer geliebten Frau, deren Leben ebenso wie das seine von Krieg gezeichnet wurde.