Eine einfache Wahrheit
Eine Frau kommt nach langer Zeit aus dem Westen zurück in die ostdeutsche Kleinstadt irgendwo in Mecklenburg, in der sie aufgewachsen ist: eine recht vertraut wirkende Ausgangssituation. Spätestens wenn man bedenkt, dass Corinna Krenzer 1989 in Frankfurt/M. geboren wurde und die mecklenburgische Seenplatte zunächst aus Urlauberperspektive kennengelernt hat, ahnt man die Diskussion: Darf man das? Darf man eine solch bittere Geschichte über die DDR und die Nachwende-Gesellschaft in Ostdeutschland erzählen, wenn das nicht wenigstens eine Spur autobiographisch ist?
Ja, man darf. Und im Fall von Krenzers Debüt-Roman Eine einfache Wahrheit würde ich sagen: Man muss. Genau so. Stimmungsvoll, voller Neugierde, ohne Angst. Ohne Rücksicht auf ost- oder westdeutsche Befindlichkeiten. Offenen Auges am Abgrund, der Vergangenheit und Gegenwart immer noch durchzieht.
Krenzer, die unter anderem Ethnologie studiert hat, nähert sich dem fiktiven Ort Kohltal und seinen Bewohner*innen mit geradezu ethnologischem Blick. Eine fast Fremde taucht in der geschlossenen Gemeinschaft in diesem "Provinzkaff" auf, wird beäugt, beobachtet, verfolgt, abgewiesen. Sie nimmt jedes Detail gestochen scharf wahr. Krenzer erzählt konkret, stimmungsvoll, mit großem Gespür für das richtige Timing.
Dabei ist Janna See – ebenso wie der Kommissar Arno Groth in den ebenfalls in Mecklenburg spielenden Romanen von Susanne Tägder – keine Fremde. Sie ist in Kohltal groß geworden. Ihr Vater kam einst aus Westdeutschland und blieb, der Liebe und der Freiheit wegen, in der DDR. Er arbeitete als Lehrer, weigerte sich, sich anzupassen.
"Niemand in Kohltal machte ein Geheimnis daraus, dass ihr Vater als Fremder gekommen war, einer, der sich erst im Westen als Schriftsteller einen Namen gemacht und dann in den Osten abgesetzt hatte. Und ein Fremder war er geblieben."
Kurz vor der Wende, im Mai 1989, flieht die Familie. Der Vater, als liebevoller, aufrichtiger Mann beschrieben, der tagelang Texte auf seiner Schreibmaschine tippte und alles tat, um seine Tochter vor dem Zugriff des Regimes zu schützen, zieht sich ins Schweigen zurück. Irgendwann begeht er Selbstmord. Warum? Diese Frage treibt die kettenrauchende Autorin um, die sich auf der Suche nach Antworten in die alte Heimat begibt.
Der Roman, der zunächst von einem Mann in einem Hotel in Venedig handeln sollte, wie in einem Interview zu erfahren ist, erzählt auf zwei Zeitebenen von den Kontinuitäten und Brüchen in deutschen Biographien. Da ist die Protagonistin, die sich mit einem zunehmenden Gefühl der Befremdung durch die einst so vertraute Stadt bewegt und aus deren Perspektive sehr treffend die teilweise beklemmenden Realitäten in der ostdeutschen Provinz beschrieben werden:
"Weil die Kohltaler jetzt zwar Geld hatten ... für neue Straßen, Wände und Dächer, aber die Menschen ihnen seit dreißig Jahren davonliefen. Seitdem sie es konnten."
"Und was wollen Sie jetzt wieder hier?"
Die Menschen, die geblieben sind, hingegen, hängen an dem, wie es schon immer war, und sind Neuem und Fremden gegenüber misstrauisch, reserviert. Die Frage, was Janna See nun eigentlich hier will, wird ihr nicht nur einmal gestellt. Ja, es wird ihr geraten, den Ort schnellstmöglich wieder zu verlassen. Warum? Das führt in die zweite Zeitebene, in die 1980er Jahre, in eine Kindheit in der Diktatur. So ungeschönt und bedrückend wie Corinna Krenzer hat zuletzt vielleicht Anne Rabe von Kindheit und Alltag in der DDR erzählt.
Dabei erinnert sich Janna See nicht nur an systemtreue Lehrer*innen sondern auch an Rückzugsorte, an die Sommer am See, an die Tage mit ihrem besten Freund Oskar (der nun Bürgermeister ist) und an ihren Vater, der sie in ihrem rebellischen Wesen unterstützte und schützte. Janna findet seine alten Tagebücher und erfährt von dem Teil der Geschichte, den sie als Kind nicht verstand. Oskar, ihr bester Freund damals, der heute alles tut, um sie wieder loszuwerden, spielte dabei eine wichtige Rolle.
Der Umgang mit Schuld, des Wegschauen und Verschweigen, die Angst vor Verantwortung und Veränderung: "Einfache Wahrheiten" gibt es nicht. Umso wichtiger ist es, unerschrocken und genau hinzusehen. Vielleicht braucht es dafür den fremden, den ethnologischen Blick –und eben gerade nicht die autobiographische Brille. Corinna Krenzers Debüt-Roman ist kein einfaches Buch, aber ein lesens- und bemerkenswertes: Es erzählt von einer scheinbar einfachen, bekannten Geschichte – die doch noch einige Geheimnisse und Überraschungen bereithält.