Centering Prayer

Die Landkarte der christlichen Welt ist groß und vielfältig; fragt man verschiedene Menschen, was in ihren Augen das Christentum ausmacht, wird eines immer wieder eine Rolle spielen: das Gebet. Wer betet, so die Vorstellung, ist im Gespräch mit Gott, oft bittend, manchmal klagend, manchmal lobend. Formulierungshilfen für dieses oft nicht einfache Gespräch bieten etwa die Psalmen.

Neben diesem breiten, sich immer wieder verzweigenden Weg haben sich auch in der christlichen Spiritualität schmale, zuweilen versteckte Pfade gehalten, um die sich die „Amtskirche“ oft wenig gekümmert hat: Wo Mystiker*innen wie Meister Eckhart oder Teresa von Avila gewandelt sind, ließ man danach gern Gras darüber wachsen. Es brauchte Brückenbauer wie Willigis Jäger oder Hugo Lassalle, um im Dialog mit den östlichen Religionen uralte Praktiken der Meditation und Kontemplation auch in der christlichen Religion neu zu entdecken.

Einer dieser Brückenbauer war der Schweigemönch Thomas Keating (1923 - 2018), der einen Weg zur Gottesnähe entwickelte, den er Centering Prayer, zu deutsch auch „Gebet der Sammlung“ nannte.

„Dieser kontemplative Weg besteht im Wesentlichen darin, sich täglich Zeit für Stille freizuhalten und sich aus der Tiefe des Herzen heraus voraussetzungslos auszurichten auf das Geheimnis des Lebens, das wir Gott nennen und das größer ist, als wir bruchstückhaft ahnen.“

Eine Übung im Loslassen

Die Methode, für die Keating auf uralte mystische Praktiken und Weisheitslehren wie die Schrift Wolke des Nichtwissens aus dem 14. Jahrhundert zurückgriff, ist sehr einfach zugänglich. Die Gegenwart Gottes ist es, so Keating, schließlich auch. Ähnlich wie im Zen geht es im Kern darum, dass wir unsere Muster und Konzepte loslassen, um hinter unseren Gedanken die Wirklichkeit (bzw. Gott) zu erkennen.

Dazu empfiehlt Keating ein Gebetswort, das keine eigene Bedeutung hat, sondern hilft, uns immer wieder neu auszurichten, sobald wir uns in Gedanken verlieren. Die Übung erfolgt im Sitzen während regelmäßiger Zeiten der Stille. Die Verbundenheit mit Gott entsteht hier nicht etwa durch regelmäßiges Bibelstudium sondern durch ein „Ruhen in Gott“:

„Gott schaut mich an und ich schaue Gott an.“

Da ist nichts, was man tut – es geht um die pure Präsenz. „Je weniger wir selbst tun, desto besser ist dieses Gebet“, so Keating. Mit der Zeit entsteht ein Reservoir an innerer Stille – als Quelle der Gottverbundenheit im Alltag.

Mutig, stark, beherzt: das Buch zum Weg

Die Anleitung für das Centering Prayer passt in wenige Zeilen oder auf eine überschaubare Internetseite. Maria Reichel hat nun über diesen, wie sie sagt, Weg für Gottferne, Zweifler und andere gute Christen ein ganzes Buch geschrieben. Man braucht es nicht, um mit dieser einfachen, tiefen Übung anzufangen. Allzumal zu viel (vermeintliches) Wissen oder Glauben der Praxis eher im Weg steht: „Reiner Glaube ist der sicherste und geradlinigste Weg zu Gott. Er erfordert ein Loslassen von Erwartungen“, so Reichel.

Dennoch ist ihr Buch ein guter, hilfreicher und inspirierender Wegweiser. Auf 150 Seiten schildert sie beherzt und persönlich, was die kontemplative Praxis für sie selbst bedeutet, die als Pfarrerstochter den christlichen Glauben mit der „Muttermilch“ einsog, mit der Kirche und dem ihr dort begegnenden Glauben aber mehr als nur fremdelte. „Wie könnte ein Weg aussehen, der zu tieferer Gewissheit, Vertrauen ins Leben und innerer Freiheit führt“, fragt sie. Und gibt mit ihrem Buch zahlreiche Hinweise, etwa wenn sie über Dag Hammarskjöld, Mahatma Gandhi oder die Bischöfin Mariann Edgar Budde schreibt, die Donald Trump voller Unerschrockenheit „die Leviten las“.

In immer wieder neuen Anläufen sucht Maria Reichel nach der Kraft der Transformation, die im kontemplativen Gebet steckt. Es ist eine Spiritualität für den Alltag, die sich zu entdecken lohnt. Entweder in einem der Seminare, die etwa die Autorin anbietet, in einer Gruppe – oder, zumindest für den Anfang, mit diesem Buch.

Maria Reichel: Centering Prayer. Ein Weg für Gottferne, Zweifler und andere gute Christen. Vier Türme Verlag 2025